Das TNT Knives Slip Bang ist ein modulares Taschenmesser von Toni Tietzel, das sich mit einem normalen Torx-Bit zwischen vier Konfigurationen umbauen lässt – vom zweihändigen Slipjoint bis zum vollwertigen, verriegelnden Einhänder. Genau darum geht es in dieser Review.
Oder: Warum bei mir seit Wochen ein Torx-Bit neben meinem Laptop liegt.
Moin. Du stehst morgens vor der Messer-Schublade und überlegst, welches Messer heute mitkommt. Stadt oder Wald, Bahn oder Auto, kurz mal das falsche Teil in der Hosentasche — die Frage kennt hierzulande jeder, der ein EDC-Messer trägt. Das TNT Slip Bang dreht den Spieß um: Statt das Messer zur Lage zu wählen, schraubst du das Messer auf die Lage um. Und ich gebe zu, der Basteltrieb hat mich sofort gehabt.
TNT steht für Toni N. Tietzel, und wer den Namen schon mal gehört hat, kennt vermutlich auch das Big Bang — Tonis ersten Folder, der vor zwei Jahren für ordentlich Wirbel gesorgt hat. Das Slip Bang stellt eine Frage, die so vorher kaum einer gestellt hat: Warum muss ein Slipjoint eigentlich für immer ein Slipjoint bleiben?
Legst du Slip Bang und Big Bang nebeneinander, siehst du die Verwandtschaft auf den ersten Blick. Das Slip Bang lehnt sich klar an das kleinere Big Bang (ja, ein bisschen verwirrend, ich weiß) an — dieselbe Designsprache, derselbe Drop Point mit der nadelfeinen Spitze, dieselbe Idee von einem Folder, der vor allem schneiden will. Nur ist das Slip Bang der größere, erwachsenere Bruder geworden, mit 8,4 cm Klinge und offen knapp 19,8 cm. Den CPM-20CV Stahl kennen wir schon vom Big Bang, und er ist immer noch eine der besten Entscheidungen, die man treffen kann: lange Standzeit, gutmütig zu schärfen und er rostet dir nicht weg, wenn du mal eine Apfelsine schneidest.
Verarbeitung: Oberliga!
Ich nehme das Jahr über viele Messer in die Hand, und ich merke ziemlich schnell, ob jemand bei der Fertigung gepennt hat. Beim Slip Bang ist davon nichts zu spüren. Die Grade-5-Titan-Schalen sitzen sauber aufeinander, die Kanten sind wunderbar entgratet, nichts hakt, nichts klappert. Dass We Knife fertigt, ist hier kein Marketing-Sticker, sondern fühlbar — und das muss es auch, denn ein modulares Messer lebt davon, dass die ganzen Schraubverbindungen tausendmal mitmachen, ohne auszuleiern. Jede Bohrung ist wirklich perfekt ausgeführt und die Gewinde greifen absolut sauber. Genau das ist der Punkt, an dem so ein Konzept stehen oder fallen kann.
Die Handlage, über die ich kurz schwärmen muss
Manche Messer fühlen sich einfach auf Anhieb super an! Das Slip Bang gehört dazu. Der Griff füllt die Hand, ohne sie zu kommandieren, und egal ob ich fein vorne an der Klinge arbeite oder mal mit etwas mehr Nachdruck durch Karton gehe — ich habe das Ding immer da, wo ich es haben will. Für einen Folder, der konstruktiv ein bisschen Technik im Griff unterbringen muss, ist das alles andere als selbstverständlich. Hut ab.
Ein Slicer. Punkt.
Die Klinge ist sehr fein ausgeschliffen, dünn hinter der Fase, und gefühlt würde ich sagen, die Schneide fällt durchs Material, statt sich durchzuquetschen. Heißt im Umkehrschluss aber auch — und das sage ich lieber einmal zu oft als einmal zu wenig: Hebeln ist nicht der Job dieses Messers! Wer mit dem Slip Bang Farbeimer aufstemmt, hat das Messer falsch verstanden. Für saubere, kontrollierte Schnitte ist es dafür ganz vorne mit dabei.
Jetzt zum Teil, der ein bisschen süchtig macht. Die Slipjoint-Feder hat einen richtig satten Walk & Talk. Beim Öffnen und Schließen baut sich der Widerstand spürbar auf, und dann schnappt die Klinge mit diesem festen, sauberen Ploppen in Position. Kein schwammiges Gummiband-Gefühl, sondern ein klarer mechanischer Klang, der dir sagt: sitzt. So muss ein Slipjoint sich anfühlen, und nicht jeder bekommt das hin. Auf einen 90-Grad-Stop wurde verzichtet, da dies das einhändige Öffnen nur unnötig erschweren würde.
Und hier wird es richtig clever. Das Slip Bang lässt sich mit einem ganz normalen Torx-Bit am Küchentisch in vier Konfigurationen umbauen.
Im Grundzustand hast du zwei flache Inlays auf dem Griffrücken und keine Daumenöffnung — ein klassisches, zweihändiges Slipjoint. Schraubst du die Thumb Ramps dran, öffnest du dasselbe Messer plötzlich einhändig, immer noch ohne Verriegelung. Drückst du nun den Slider nach vorne, schaltest du die TNT-Verriegelung zu — die Klinge rastet jetzt fest ein. Und packst du beides zusammen, Thumb Ramps und Slider, hast du einen vollwertigen, verriegelnden Einhänder, der sich anfühlt wie jeder moderne EDC-Folder.
Vier Messer in einem, und der Clou ist, wie unspektakulär das funktioniert. Keine Frickel-Mechanik, keine Klick-Bauteile, die nach einem Jahr ausnudeln. Und aktuell musst du dir um das nötige Werkzeug dafür auch keine Gedanken machen.
Wichtig dabei: Ausgeliefert wird das Slip Bang bereits mit montierten Thumb Ramps und Slider — du bekommst es also direkt als vollwertigen, verriegelnden Einhänder. Willst du stattdessen die freie, zweihändige Slipjoint-Variante führen, nimmst du beides einfach wieder ab.
Warum baut man so etwas? Weil das deutsche Messerrecht eine ziemlich klare Linie zieht — und das Slip Bang sich an genau dieser Linie entlangschrauben lässt.
Kurz zur Erinnerung: Ein Einhandmesser im Sinne des §42a WaffG ist ein Messer nur dann, wenn es beide Merkmale gleichzeitig hat — eine Einhandöffnung und eine arretierende Klinge. Fehlt eines davon, ist es kein Einhandmesser und damit grundsätzlich legal zu führen. Die Klingenlänge spielt bei einem Klappmesser dabei keine Rolle, die 12-cm-Grenze gilt nur für feststehende Messer.
Und jetzt leg das mal über die vier Modi:
Heißt unterm Strich: In mindestens drei von vier Konfigurationen kannst du das Slip Bang nach allem, was wir wissen, ganz normal mitführen. Du musst dafür nur einmal kurz zum Schraubendreher greifen — das Messer kommt ja im verriegelnden Einhand-Zustand bei dir an. Eine Rechtsberatung ist das hier natürlich nicht — im Zweifel wirf einen Blick in unseren §42a-Ratgeber oder frag eine Fachanwältin. Aber als Idee ist das verdammt elegant.
Das TNT Slip Bang ist eines der wenigen Messer, bei denen mich der Gimmick nicht nach einer Woche genervt hat, sondern hängengeblieben ist. Es schneidet wie ein Slicer schneiden soll, es liegt traumhaft, die Slipjoint-Feder macht süchtig, und das modulare System ist nicht nur ein netter Trick, sondern beantwortet eine echte Frage, die sich hierzulande jeder EDC-Messer-Träger irgendwann stellt. Toni Tietzel hat aus dem Slip Bang etwas gemacht, das nicht nur größer als das Big Bang ist, sondern auch smarter. Für mich persönlich ganz klar einer der spannendsten deutschen Folder der letzten Zeit.