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Knifelounge folgen
Antikes Hirschhorn-Klappmesser, seitlich fotografiert auf dunklem Steinuntergrund

Knife to see you!

Messer. Messer und Taschenlampen. Messer, Taschenlampen und Brechstangen.

Was stimmt eigentlich mit uns nicht? Warum schleppen wir solche Dinge mit uns rum und bezeichnen es dann anschließend als vorgeschobene Entschuldigung mit dem Namen „Everyday Carry“, also EDC.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern – dieser Geruch, als Kind, wenn mein Vater sein speckiges Leder-Portmonee aus der hinteren Hosentasche zog, das durch das jahrelange Draufsitzen bereits die Form seiner rechten Arschbacke angenommen hatte. Als dieses Portmonee hergestellt wurde, war es wahrscheinlich ein cognacfarbenes bis mittelbraunes Leder. Mittlerweile hatte es die Patina der linken hinteren Ecke eines Maschinenraums in einem Öltanker angenommen. Aber genau das machte es für mich irgendwie interessant. Das Leder fühlte sich organischer an als bei der Auslieferung, und der messingfarbene kleine Clip vorne an der Kleingeldtasche glänzte unverhältnismäßig stark zum Rest des Portmonees, weil mein Vater es mit seinen Fingern über all die Jahre unbewusst poliert hatte. Ich bin mittlerweile 53 Jahre alt, diese Bilder sind allerdings fest in mein Gedächtnis eingebrannt.

EDC-Flatlay von Ruhrpott Outdoor mit Messer, Multitool, Schlüsselbund und Ruhrpott-Outdoor-Tuch

Zum EDC meines Vaters gehörte aber natürlich auch ein Taschenmesser. Den Hersteller kann man heute nicht mehr entziffern. Ja, richtig gelesen, das ist tatsächlich noch in meinem Besitz. Mein Vater wurde 1907 geboren und hat somit also beide Weltkriege miterlebt, was für heutige Verhältnisse vollkommen unvorstellbar ist. Seit frühester Jugend hat ihn also dieses Messer begleitet.

Tätowierte Hand hält das alte Hirschhorn-Klappmesser

Ein Klappmesser im klassischen Stil mit einer großen und einer kleinen Klinge und natürlich einem Korkenzieher, der damals nicht nur Zier war wie heute bei unseren Schweizer Taschenmessern. Wer macht sich heute noch im Wald eine Flasche Wein auf? Naja, vielleicht seltsam, dass gerade ich diesen Satz sage, denn wenn das jemand tut, dann bin ich das wohl. Aber früher gehörte das zur Überlebensausrüstung.

Dieses Messer war also, wie gesagt, ein klassisches Taschenmesser mit zwei Klingen und diesem besagten Korkenzieher. Dazu noch eine kleine Stechahle und das Ganze versehen mit einem mehr oder weniger hübschen Hirschhorn-Griff. Dieser ist nach mittlerweile fast 100 Jahren seit seiner Herstellung an einer kleinen Ecke leicht abgeplatzt, aber damit kann ich leben und meinen Vater interessiert es glaube ich auch nicht mehr.

Nahaufnahme des Hirschhorn-Griffs mit Korkenzieher am antiken Taschenmesser

Zur täglichen Ausrüstung meines Vaters gehörte sonst eigentlich nicht viel, außer vielleicht die Schachtel Reval ohne Filter und die dazu passende Zigarettenspitze aus schwarzem Bakelit, mit einer silbernen Hülse verziert. Ich merke gerade beim Schreiben, dass ich mich fühle wie diese alten Leute damals, die man in der Kneipe getroffen hat und die einem Geschichten erzählten, die uninteressanter und weiter weg von einem selbst nicht hätten sein können. Heute bin ich dieser Typ. Fühlt sich aber irgendwie auch gut und richtig an.

Aber ich schweife ab, es ging ja schließlich um die tägliche Ausrüstung meines Vaters. Es war für ihn vollkommen selbstverständlich, diese Sachen immer in seiner Nähe, beziehungsweise am Mann zu haben. Einen Vergleich mit Anderen anzustellen, ein kritisches Nachdenken über Sinn und Nutzen dieser Gegenstände – damals vollkommen undenkbar.

Heute haben wir mittlerweile eine Wissenschaft daraus gemacht. Die Kollegen und Kolleginnen meines Leidens treffen sich auf Messen und Börsen und zeigen sich ihre Stahl gewordenen Mitbringsel wie beim PS-Vergleich mit subadulten Autotunern nachts an der Dorf-Tankstelle. Wir tragen ganze Säcke voll davon in farblich aufeinander abgestimmten Täschchen mit uns rum. Wir versehen diese Taschen von außen mit Patches, die uns in selbstgewählte Kategorien einteilen und der Welt da draußen entgegenschreien:

„All Knives are beautiful!“ oder auch „Achievement unlocked – Knife Addict“

Man könnte meinen, wir hätten alle unseren Verstand verloren oder zumindest zu viel Zeit und Geld. Das kann man so sehen. Muss man aber nicht. Man kann es auch so sehen wie mein Vater und seine Generation: als eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich aufgehübscht und dem Zeitgeist angepasst, aber das ist ja auch normal. Dinge verändern sich halt in ihrer Darstellungsform. Unser EDC ist bunter, lauter, offener und auch personalisierter als das unserer Eltern und Großeltern. Was aber gleich geblieben ist, kann man vielleicht mit dem Wort „Seele“ umschreiben.

Stimmungsaufnahme des Klappmessers auf rauem Untergrund, unscharfer Fokus

Wir alle sind vielleicht etwas unkonventionell und hier und da auch etwas exzentrisch, aber ich glaube doch fest daran, dass wir alle etwas gemein haben, wenn es um unser Hobby geht. Es ist mehr als nur ein Messer mit sich rumzuschleppen und somit eh als Irrer angesehen zu werden. Wir sehen unser EDC als Werkzeug, als Helfer, als Begleiter, als modisches Accessoire und als Teil unserer Persönlichkeit.

Knife Guys trotzen dem gesellschaftlichen Image, sie sind freiwillige Outsider in einer negativ konnotierten Szene, die eigentlich vollkommen falsch verstanden wird. Wir sind keine Kriminellen, wir sind Nerds. Jäger und Sammler der sympathischsten Sorte und zugleich Fackelträger für eine verloren geglaubte Tradition. Taschentuch, Münze, Kamm, Messer, Glücksbringer und all ihre Nebendarsteller sind nicht unnütz und übertrieben, sie sind Tradition.

Also bin ich froh, einer von denen zu sein, die so herrlich bekloppt sind und sammeln und jagen und sich die kindliche Begeisterung für das Ungewöhnliche bewahrt haben.

Aber worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, ich wollte mir morgen das neue PM2 mit Maxamet bestellen, was meint ihr dazu? ;-)